Evangelische Kirche in Solingen veröffentlicht vorläufige Vorschläge für die Zukunft von Kirchen und Gemeindehäusern in Solingen

Im Rahmen einer öffentlichen Informationsveranstaltung hat der Evangelische Kirchenkreis Solingen am 11. Februar vorläufige Vorschläge für die zukünftige Gebäudeplanung vorgelegt. Die Hälfte der heutigen Kirchen und Gemeindehäuser soll bis 2035 in eine alternative Nutzung gegeben werden.
Eine von der Synode im vergangenen Jahr eingesetzte siebenköpfige Arbeitsgruppe hat die Vorschläge unter dem Vorsitz des ehemaligen Solinger Stadtdirektors Hartmut Hoferichter in den letzten Monaten erarbeitet. „Uns ist wichtig, dass wir diesen schwierigen Zukunftsprozess so transparent wie möglich gestalten“, erklärte Superintendentin Dr. Ilka Werner heute im Vorfeld der Informationsveranstaltung, „aber entscheiden muss am Ende die Synode. Ich danke der Arbeitsgruppe für ihre Vorschläge. Sie sind eine wichtige Vorarbeit, mit der unsere Synode nun gut umgehen kann.“
Drei Kategorien
Der jetzt veröffentlichte vorläufige Vorschlag sieht drei Kategorien und einen Sonderfall vor. Vier Kirchen und drei Gemeindezentren stehen auf einer „vorläufigen Positivliste“: Die Arbeitsgruppe schlägt vor, diese über 2035 hinaus weiterzubetreiben. Drei Kirchen und zwei Gemeindezentren wurden von der Arbeitsgruppe in die engere Auswahl für die Positivliste gezogen. Dazu gehört auch ein Sonderfall. Bei diesen Gebäuden besteht noch Klärungsbedarf, welche am Ende auf die Positivliste kommen sollen. Die dritte Kategorie sind diejenigen Gebäude, die mittelfristig nicht mehr kirchlich getragen werden können: Dazu gehören vier Kirchen und vier Gemeindehäuser.
Vorschläge: Langfristig erhalten
Konkret schlägt die Arbeitsgruppe vor, die Evangelische Stadtkirche Ohligs, die Walder Kirche, die Dorper Kirche und die Evangelische Kirche Gräfrath über 2035 hinaus zu behalten. Außerdem sollen auch das Evangelische Gemeindezentrum Höhscheid an der Neuenhofer Straße, das Gemeindezentrum Wittenbergstraße und das Gemeindezentrum Schützenstraße/Ritterstraße längerfristig kirchlich genutzt werden.
Vorschläge: Noch weiterer Klärungsbedarf
Klärungsbedarf sieht die Arbeitsgruppe bei der Christuskirche und dem Gemeindezentrum in Rupelrath sowie bei der Evangelischen Kirche Mangenberg und dem Gemeindehaus Corinthstraße. Einen Sonderfall stellt für die Arbeitsgruppe die Evangelische Stadtkirche Mitte dar, die wegen ihrer zentralen Lage in der Solinger Innenstadt und wegen ihrer jetzt schon vielfältigen Nutzung durch den Evangelischen Kirchenkreis und durch die Stadtgesellschaft von besonderer Bedeutung für die Evangelische Kirche in Solingen ist. Außerdem ist sie das einzige durchgehend barrierefreie evangelische Kirchengebäude in Solingen. Auch bei der Stadtkirche soll geklärt werden, ob sie nach einer konzeptionellen Neuausrichtung auf die Positivliste gehört.
Vorschläge: Keine langfristige Weiternutzung
Gegen eine langfristige Weiternutzung als Kirchengebäude spricht sich die Arbeitsgruppe hinsichtlich der Evangelischen Kirche Merscheid und des benachbarten Gemeindezentrums, der Evangelischen Kirche Widdert, der Evangelischen Kirche Ketzberg mit dem benachbarten Gemeindehaus, des Evangelischen Gemeindezentrums an der Zwinglistraße sowie der Lutherkirche samt dem dazugehörenden Gemeindehaus aus.
Zur Lutherkirche hatte bereits die Lutherkirchengemeinde als Eigentümerin angekündigt, das Gebäude nicht über 2030 hinaus als Kirche nutzen zu können.
„Wir haben es auch als den Auftrag der Synode verstan-
den, dass wir die Gebäude einteilen sollen in solche, bei
denen aus unserer Sicht schon weitgehend Klarheit bestehen könnte, und solche bei denen noch weiterer Gesprächsbedarf besteht“, erläutert der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Hartmut Hoferichter: „Wir hoffen, dass das der Synode hilft, in ihrem Planungsprozess weiterzukommen.“
Prognose: Halbierung bis Mitte der 2030er Jahre
Die heute veröffentlichten Vorschläge entsprechen der Prognose, nach der die Evangelische Kirche in Solingen ab der Mitte des kommenden Jahrzehnts aufgrund der Halbierung ihrer Finanzkraft im Vergleich zu 2025 nur noch die Hälfte des aktuellen Gebäudebestands wird besitzen können. Die Zahlen der Mitglieder und der hauptamtlich Mitarbeitenden wird sich voraussichtlich ähnlich entwickeln. „Wir sind aber überzeugt, dass wir dann auch mit weniger Mitteln immer noch zu 100 Prozent Kirche sein werden“, betont Superintendentin Dr. Ilka Werner.
Klimaneutralität aus Verantwortung für Gottes Schöpfung
Außerdem sollen in der Evangelischen Kirche im Rheinland ab 2035 alle Kirchengebäude aus Verantwortung für die Schöpfung klimaneutral betrieben werden. Die entsprechende Sanierung wird erhebliche Investitionen kosten. Mit der gemeinsamen Gebäudeplanung will die Synode sicherstellen, dass die zukünftige evangelische Gebäudelandschaft nach sinnvollen Kriterien wie der Verteilung der Standorte im Stadtgebiet, der funktionalen Ausstattung der Häuser oder der Erreichbarkeit entwickelt wird und sich nicht zufällig und wenig zweckmäßig aus vereinzelten Sparüberlegungen ergibt.
Sachlich und solidarisch. So verlief der Infoabend
Sachlich, ruhig, traurig – so verlief am 11.2.2026 die Infoveranstaltung zur Zukunft von Kirchen und Gemeindehäusern. Rund 350 Interessierte waren in den Bürgersaal der Stadtkirche gekommen, um vorläufige Vorschläge der zustän-digen Arbeitsgruppe anzuhören und darauf zu reagieren. Mehrfach wurde dabei der Wunsch geäußert, trotz unterschiedlicher Zukunftsaussichten für die einzelnen Kirchengebäude als Evangelische Kirche in Solingen zusammenzustehen. Diesen Wunsch betonte auch Superintendentin Werner: „Mein Ziel ist es, dass sich am Ende keine Gemeinde als Verliererin oder Gewinnerin fühlt, sondern dass wir alle gemeinsam um die Gebäude trauern, die wir nicht werden halten können.“ „Wir entscheiden heute nichts!“, machte Superintendentin Dr. Ilka Werner klar, die den Infoabend moderierte. Es gehe darum die Vorschläge wahrzunehmen, zu diskutieren und Stimmungen auszuloten. Die Entscheidungen müsse am Ende die Synode treffen. In einem geistlichen Impuls zu Beginn hatte Werner betont, dass Gottes Treue nicht am Weiterbestand oder an der Aufgabe kirchlicher Gebäude abzulesen sei, sondern an seinem Zuspruch: „Darum können wir auch mit weniger Kirchengebäuden weiterhin ganz Kirche sein.“
Viele Wortmeldungen
Die hohe Identifikation der Rupelrather Gemeinde mit ihrem Standort wurde auch in der anschließenden Aussprache deutlich. Wortmeldungen einer der zahlreichen Rupelrather Anwesenden aus verschiedenen Generationen betonten, welche Bedeutung das dortige Zentrum für ihre Verwurzelung in der Gemeinde habe. Gemeindepfarrer Matthias Clever betonte, dass sich das evangelische Profil der Arbeit an der Stadtkirche Ohligs und das Rupelrather Profil gut ergänzten: „Gemeinsam und als Tandem können wir den Menschen im Solinger Westen das beste evangelische Angebot bieten.“
Im Blick auf die Lutherkirche erinnerte Pfarrerin Michaela Röhr daran, dass das Presbyterium der Gemeinde wegen der riesigen Unterhaltungskosten bereits im vergangenen Herbst eine Trägerschaft über 2030 hinaus ausgeschlossen hatte. Sie dankte vor allem dem Lutherkirchenbauverein dafür, dass durch sein Engagement ein Weiterbetrieb bis
dahin überhaupt nur möglich sei.
Liane Dudda aus Widdert warb für die Kirche Widdert, deren Ausstattung und deren Team Gottesdienste und ein Programm möglich machten, das in Solingen außergewöhnlich sei. Damit könne man auch Menschen ansprechen, die sonst eher nicht in die Kirche kämen. Allerdings betonte sie auch die Notwendigkeit einer gemeinsamen Solinger Entscheidung: „Wenn die am Ende gegen die Widderter Kirche ausfällt, werden wir das als Teil der Gemeinschaft mittragen.“
Für Merscheid berichtete Pfarrer Dirk Stark, dass seit langem an Plänen für einen Umbau der Kirche zu einem multifunktionalen Ort für den ganzen Stadtteil gearbeitet werde. Aufgrund des Denkmalschutzes sei das aber eine große Herausforderung. Der zunehmende Handlungsdruck durch die Entwicklung der Kirchenfinanzen werde aber immer größer. Trotzdem wolle man weiter an Konzepten für eine Nutzung der Kirche arbeiten. Er unterstütze Überlegungen, sich im Solinger Westen zukünftig auf die evangelischen Standorte Stadtkirche Ohligs und Rupelrath zu konzentrieren. Insbesondere Kinder bräuchten aber einen erreichbaren Ort in der Nähe.
Für Ketzberg erinnerte Pfarrer Christof Bleckmann daran, dass die Kirche vor rund 20 Jahren umfassend saniert worden sei. Denkmalschutz bestehe bei der Kirche nicht. Für die Frage nach einer Zukunft des Gebäudes, wenn die bisherige Nutzung auslaufe, setze er auf die Unterstützung des Kirchenkreises.
Appell zu Gemeinsamkeit
Beeindruckend war an diesem Abend, dass immer wieder der Wunsch geäußert wurde, trotz unterschiedlicher Zukunftsaussichten für die einzelnen Kirchengebäude als Evangelische Kirche in Solingen zusammenzustehen. Superintendentin Dr. Werner dankte dafür und für die sachliche Atmosphäre, trotz des hochemotionalen Themas: „Ich wünsche mir, dass sich am Ende keine Gemeinde als Verlie-
rerin oder Gewinnerin fühlt, sondern dass wir alle ge-
meinsam um die Gebäude trauern, die wir nicht werden halten können.“
Stichworte zu den Wortmeldungen wurden notiert. Die Arbeitsgruppe wird diese und andere Erkenntnisse aus der Infoveranstaltung unter einer weiteren für Mitglieder gemeindlicher Leitungsgremien nun auswerten. Dann wird sie dem Kreissynodalvorstand einen abschließenden Vorschlag überreichen. Für den 14. März 2026 ist eine Sondersynode zur Gebäudebedarfsplanung terminiert.
Sondersynode am 14. März 2026
Bereits vor einer Woche wurden die Vorschläge bei einer ähnlichen Veranstaltung für Mitglieder gemeindlicher Leitungsgremien erläutert und diskutiert. Die Arbeitsgruppe werde nun die Erkenntnisse der beiden Informationsveranstaltungen auswerten, erläuterte Hartmut Hoferichter die nächsten Schritte. Danach soll die daraufhin eventuell noch einmal veränderte Liste dem Solinger Kreissynodalvorstand übergeben und am 14. März auf einer Sondersynode beraten werden. Ob dann bereits Beschlüsse gefasst werden, ist offen: Die Synode hatte im vergangenen Jahr festgelegt, dass über das zukünftige Gebäudekonzept gründlich beraten und abschließende Beschlüsse bis spätestens Ende 2027 gefasst werden sollen. Superintendentin Werner verweist aber auf die hohe Belastung der Verantwortlichen durch eine zu lange unklare Zukunft von Kirchengebäuden: „Wir brauchen genügend Zeit für eine gründliche Diskussion. Und auch für die gemeinsame Trauer angesichts der anstehenden schmerzhaften Entscheidungen. Wir benötigen aber da, wo es schon möglich ist, auch zügige Entscheidungen, damit wir für die Gebäude, die wir nicht halten werden, rechtzeitig mit unseren Überlegungen zu deren alternativer Zukunft weiterkommen können.“
(Quelle: Klingenkirche.de)