Wir haben hier keinen bleiben Ort, sondern die zukünftigen suchen wir…

Predigt zu Hebräer 13,14

(Download als PDF)

Liebe Gemeinde!

Ein bekanntes Bibelwort aus dem Hebräerbrief lautet:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14 LT)

In den letzten Monaten ging mir dieser Bibelvers häufiger durch den Kopf – immer dann, wenn über die großen Veränderungen diskutiert wurde, die auf uns Evangelische in Solingen zukommen.

Die Hälfte der kirchlichen Gebäude, auch der Kirchen können wir nicht behalten.

Wir müssen uns in den kommenden zehn Jahren von einem großen Teil unseres Immobilienbesitzes trennen.

Uns in Merscheid wird das in besonderer Weise treffen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Unsere Kirche und das Gemeindehaus gehören nicht zu den Gebäuden, die über 2035 hinaus als evangelische Standorte erhalten bleiben und klimaneutral saniert werden.

Diese erste Entscheidung hat unsere Solinger Synode im März (14.3.26) beschlossen.

Wir müssen unsere kirchliche Heimat rund um den Merscheider Kirchturm in andere Hände übergeben.

Nicht sofort, auch nicht nächstes Jahr, aber spätestens in den nächsten 10-12 Jahren, besser deutlich früher.

Wenn es gut geht, geben wir unsere Gebäude in solche Hände, die an diesem Standort rund um die Kirche etwas Gutes Neues bauen und dabei die Kirche so erhalten, dass ihr Bild auch in vielen Jahren noch den Stadtteil prägt.

Die Gemeinde wird sich dann an anderer Stelle versammeln. Dafür sind im Solinger Westen das „evangelische Dorf“ rund um die Ohligser Stadtkirche im Blick und die Christuskirche in Rupelrath.

Mit beiden Gemeinden verbindet uns heute schon einiges.

Und auch die Walder Kirche ist es nicht sehr weit.

Ob es hier vor Ort noch Treffpunkte der Gemeinde geben wird, wissen wir noch nicht.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Auch die evangelische Lutherkirchengemeinde, Ketzberg und Widdert müssen darüber nachdenken, was wird, wenn sie ihre Kirchen und Gemeindehäuser abgeben.

Seit zwei Wochen gibt es dazu eine Gruppe mit Vertretern der Gemeinden und des Kirchenkreises, denn: Eins ist sicher:

Wir werden nicht allein gelassen oder aufgegeben, sondern wir sind und bleiben Teil der großen evangelischen Gemeinschaft – gerne würde ich sagen:
der evangelischen Familie in der Stadt Solingen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Das könnte das biblische Motto sein, unter das wir die Frage nach der Zukunft der evangelischen Kirche und der evangelischen Kirchen in Solingen stellen.

Mir gefällt daran, dass dieser Bibelvers keine einfachen Antworten liefert.

Der Bibelvers verspricht nicht, was niemand halten kann.

Er sagt im Gegenteil nur das, was nicht sein wird und worin unser Auftrag besteht:

 „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Für uns Merscheider Christinnen und Christen könnte das übersetzt bedeuten:

„Wir Merscheider*innen haben hier keinen bleibenden Standort, sondern wir suchen den Ort, wo wir in Zukunft Glaube und Gemeinschaft leben und dazu einladen.“

Mir ist dabei schon das erste Wort des Bibelverses wichtig.

Das kleine Wörtchen „wir“.

Das erste Wort ist übrigens auch das letzte dieses Bibelverses. Es rahmt das Ganze wie eine Klammer:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Das „wir“ ist, glaube ich, mit das wichtigste Gut, das wir haben. „Gut, dass wir einander haben“ – kommt mir als Lied dazu sofort in den Sinn.

Wir sind hier eine kleine aber feine Gemeinschaft.

Vielleicht 1600 auf dem Papier – aber eher eine kleine bis mittlere dreistellige Zahl von Aktiven, Interessierten, Engagierten.

Von der Chorsängerin im Seniorenchor, über den Teamer im Jugendcafé, die Organisatorin für’s Bibelteilen, des Spielenachmittags, des Gebetskreises, des Kirchencafés der Gemeindewanderung, die Leitung der Frauenhilfe, den starken Gospelchor und seinen Förderverein und den Gemeindeförderverein, die kleinen oder größeren Teams rund um den Gottesdienst, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, den Gemeindebrief – auch mit allen seinen Verteiler*innen, unseren beachtlichen Besuchsdienstkreis, unsere Konfis und ihre Eltern und Geschwistern, die KiBa-Kinder und ihre Familien, die vielen, die gerne zum Lagerfeuerabend, Gemeindefest oder zum Kaffeeklatsch kommen.

Unsere befreundeten Gruppen im Haus:
die Seniorengymnastik, die Squaredancer und -dancerinnen. Der Bläser- und Posaunenchor, Die Thai-Chi-gruppe, die Selbsthilfegruppe und immer wieder überraschende neue Projekte und Initiativen

Es gibt dieses „Wir“.

Manchmal kommt es sogar mit allen, die dazu gehören,
zusammen: Weihnachten – beim Gemeindefest oder beim Neujahrempfang.

Es gibt dieses „Wir“.

Manchmal sichtbar – Aber wie das Herz im Körper
unsichtbar schlägt, schlägt auch dieses Wir – dieses Herz oft im Verborgenen und füllt doch alles beständig mit Leben.

Dieses Wir bewegt und ist in Bewegung und: ganz wichtig: Es ist offen für alle, die teilhaben und dazu gehören wollen.

Und jetzt – also in den nächsten Jahren – soll sich dieses „Wir“ auch räumlich bewegen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Der Gedanke an diese Veränderung ist für viele nicht von Aufbruchstimmung geprägt, sondern eher traurig besetzt.

Wir werden vieles loslassen müssen, was uns seit Jahren vertraut ist.

Das gilt nicht nur für die Älteren von uns – einige von uns sind in diesen Räumen hier sozusagen „groß geworden“, haben hier Freundschaften fürs Leben gefunden. Haben hier den Ort, der sie miteinander verbindet und an Gottes Gegenwart erinnert, für ihr Leben entdeckt.

Kann dieser Ort wandern? Einen anderen Platz finden?

Viele von uns sind im Leben schon das ein oder andere Mal umgezogen und kennen die damit verbundenen Gefühle.

Nicht immer geschah der Umzug freiwillig, nicht immer wurde die Wohnung größer, oft konnte man nicht alles mitnehmen.
Es machte Mühe, Ärger, Angst, hat Zeit und Nerven gekostet.

Aber eigentlich immer hatte der Umzug einen Sinn, manchmal war er sogar notwendig, und meist wurde es danach gut – vielleicht sogar manches besser…

Was trägt über solche – auch schmerzhafte Veränderungen, Umzüge, Abschiede, Aufbrüche und auch die Gefühle von Verlust und vielleicht sogar Entwurzelung?

Hören wir nochmal auf den Hebräerbrief.

Hören wir einmal die ganze Botschaft –
oder zumindest die Verse, die unseren Text rahmen:

Im sogenannten Hebräerbrief erinnert sein Verfasser an Jesu Leiden und Sterben am Kreuz auf Golgatha
und ermutigt die christliche Gemeinde, in seine Nachfolge zu treten:

In Hebräer 13 heißt es:

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager
und seine Schmach tragen. 

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

So lasst uns nun durch ihn
Gott allezeit das Lobopfer darbringen,
das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 

Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Wenn wir uns anhören, in welchem Zusammenhang der Vers über die nicht-bleibende und die neue Stadt steht, stellen wir fest:

Nach dem Blick auf unsere Gefühlswelt, unsere Beheimatung an Orten und über Zeiten, wird es jetzt theologisch.

Das Bild von der bleibenden Stadt und der Zukünftigen ist gehalten im Glauben an Jesus Christus.

Und sie ist verbunden mit der Erinnerung an den Auftrag, in Jesu Nachfolge zu treten.

Ganz klar dabei ist:

Dieser Glaube ist „nicht auf Rosen gebettet“ und Christsein „ist kein Ponyhof“

Es ist – mit biblischem Klartext gesprochen – ein „Opfer“.
Zweimal fällt dieses Wort Opfer und meint eine Gabe für Gott und für einander:
„solche Opfer gefallen Gott“.

„wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Diese Erkenntnis ist einbettet oder auch gehalten von der Einsicht, dass nur da Nachfolge Jesu geschieht, wo wir uns nicht an das klammern, was vermeintlich fest und bleibend ist, was mein ist oder unser, Nachfolge geschieht, wenn wir der Suchbewegung Gottes folgen – der immer neuen Suche Jesu nach Leben für andere, und das miteinander teilen:

„Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Die Gemeinden, die diese biblischen Texte lassen, hatten keine Kirchen, an denen sie hingen. Vielleicht hatten sie Versammlungsräume, aber sie waren noch lange nicht so fest gebunden an Häuser und Standorte.

Wenn man damals Christinnen und Christen fragte:
„Wohin gehörst du?“ nannten sie keinen Ort wie wir.

Sie sagten nicht wie wir: „Ich gehöre nach Merscheid.“

Sie sagten ich gehöre zu Christus – vielleicht nannten sie auch Namen anderer Gemeindemitglieder, mit denen sie verbunden waren.

Ihr „Wir“ war verbunden im Glauben an Jesus Christus, sein Leben, Leiden und seine Hingabe für uns – „Sein Blut“, wie es der Hebräerbrief mit einem sehr starken Wort sagt.

Wenn wir in der Gemeinde miteinander Abendmahl feiern, vollziehen wir diesen Gedanken symbolisch nach.

Wir feiern die bleibende Erinnerung und Vergewisserung durch Jesu Hingabe für uns.: Christi Leib, für dich gegeben, Christi Blut, für dich vergossen.

Das Brot des Lebens – der Kelch des Heils.

Davon lassen wir uns dann am Tisch des Herrn stärken – durch Jesus selbst – der dabei unser Mittelpunkt ist.

Das „wir“ wird sichtbar und auch unsere Mitte zeichenhaft spürbar.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Dieser Aufbruch und diese Suchbewegung hat ihre Richtung und ihren Halt in dem Weg, den Jesus uns aufgezeigt hat – hin zu einem Leben aus der Gnade und Liebe Gottes.

Wir dürfen nach der zukünftigen „Stadt“ Gottes suchen und sind dabei miteinander und mit Jesus auf dem Weg.

Er ist unsere Mitte und unser Halt – und wir werden immer Räume haben, wo wir diesen Glauben leben und dazu einladen.

Vor gut 20 Jahren hat sich unsere Gemeinde ein Leitbild gegeben. Es ist kein Bild von einer Gemeinde in ihrem Haus, sondern das Bild einer Gemeinde unterwegs –

Und das lautet so:

„Wie ein Schiff, auf dem wir miteinander leben, ist unsere Gemeinde mit Jesus Christus zu Menschen unterwegs, um sie in unsere Gemeinschaft einzuladen.

Junge und Alte, Arme und Reiche, Fröhliche und Traurige, Gesunde und Kranke wachsen zusammen im Glauben, Hoffen und Lieben, unterwegs zu einer Welt, wie Gott sie sich wünscht.“

Wir sind unterwegs – nicht an Orte gebunden, sondern an Christus und die Menschen, die er uns zeigt.
Wir mit Jesus Christus in der Mitte dorthin unterwegs, wo wir gebraucht werden, wohin Gott uns stellt.

AMEN

Evangelische Kirchengemeinde